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7Okt/08

Afghanistan ad acta

Das Experiment "Afghanistan" ist gescheitert. Die Jahrestage des Einmarsches der westlichen Streitkräfte und der Installation der Regierung Karzai häufen sich, ohne dass belastbare Erfolge innerhalb der selbsterklärten Missionsziele Frieden und Sicherheit zu verzeichnen sind. Die Ursachenforschung für dieses Versagen beschäftigt sich hauptsächlich mit der Art und Weise der Intervention von außen und versperrt sich somit die Sicht auf ein - meiner Meinung nach - viel entscheidenderes, weil elementareres Problem:

"Afghanistan" existiert überhaupt nicht. Daher kann es weder befriedet, noch demokratisiert, noch beherrscht werden. Unter "Afghanistan" versteht die Welt einen Staat wie jeden anderen. Diese Einordnung ist falsch. Von den drei Bedingungen, die klassischerweise einen Staat definieren - nämlich Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt -, erfüllt dieses Land de facto höchstens eine: die territoriale. Der Begriff "Afghanistan" beschreibt also mehr oder minder genau eine bestimmte Region auf diesem Planeten. Damit hört es aber auch schon auf.

Dieses Gebiet wird nämlich nicht von Menschen bewohnt, die sich selbst als Afghanen sehen oder fühlen. Vielmehr handelt es sich um ein heterogenes Sammelsurium verschiedener Stämme mit unterschiedlicher Geschichte und lokaler Verankerung, die "Heimat" nicht über Nation und schon gar nicht über Grenzverläufe - bspw. zu Pakistan - definieren. Die Zusammenfassung dieser teilweise inkompatiblen Gruppierungen unter dem Sammelbegriff "Afghanen" ist nicht das Ergebnis eines innerafghanischen Solidarisierungsprozesses, sondern einer undifferenzierten westlichen Verallgemeinerung.

Aus diesem Umstand ergibt sich die Machtlosigkeit eines Karzai: Wo keine Regierbaren, da auch keine Regierung. Die Herrschaft des Präsidenten beschränkt sich auf den unmittelbaren Bereich um seine Haustür, wodurch er selbst in die Rolle eines lokalen Stammesführers rutscht.

Dass die Außenwelt trotzdem an der Illusion "Afghanistan" festhält, scheint mir das Produkt eines geistigen Autismus zu sein:

Die internationale Politik und deren wissenschaftliche Betrachtung basiert auf dem nach wie vor unangefochtenen Primat des Staates, bzw. einer Ideologie der Staatlichkeit. Diese Denkweise ist allerdings eine europäische. Wenn Hobbes den Leviathan als einzigen Ausweg aus dem bellum omnium contra omnes sieht, so mag diese Analyse für seinen Kulturkreis wertvoll sein. Im Nahen Osten ist er allerdings nie gewesen. Dennoch exportieren "wir" unsere politische Kultur unreflektiert in aller Herren Länder.

Die Abwesenheit von Staatlichkeit erscheint heute als furchtbarer Makel, den es auszumerzen gilt. Die Möglichkeit, dass sie nicht gewünscht oder sogar unrealistisch sein könnte, muss manchen mit panischer Ratlosigkeit erfüllen.

Die politischen Akteure müssen begreifen, dass andere Systeme andere Modelle und andere Theorien erfordern. Staat und Staatlichkeit sind keine globalen, universalen Allheilmittel. Auch wenn es schwer fällt: Wir müssen tief durchatmen, einen Schritt zurück treten und ohne ideologische Scheuklappen versuchen, uns diesen offensichtlich noch unerforschten Gebieten neu zu nähern.

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