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10Mrz/09

Medien: Der Trick mit dem Tick und dem Tack

Aus einem nicht näher zu benennenden und umso vermaledeiteren Grund schleppe ich seit dem Aufstehen eine Szene, oder vielmehr die klischeehafte Assoziation einer solchen, mit mir herum: Ein US-amerikanischer Schwarzweiß-Streifen der Fünfziger Jahre. Ort: Die Redaktion einer popeligen Provinzklitsche.

Geht es nur mir so, dass dieses Bild nicht ohne Hektik denkbar ist? Ich sehe geschäftig umhereilende, hemdsärmelige Männer mit gelockerten Krawatten, vielleicht sogar einmal eine entweder besonders junge und hübsche oder alte und seriös anmutende weibliche Gestalt mit einem Becher Kaffee. Es gibt im ganzen Großraumbüro nur eine lächerliche Anzahl an Telefonen, aber die schrillen dafür unermüdlich den Soundtrack der Situation in den Hintergrund. Alles erscheint beseelt vom Hauch der einen NACHRICHT, dem Gral der schreibenden Zunft. In diesem Moment wird für gewöhnlich die Tür zum einzigen abgetrennten Bereich der Etage energisch aufgestoßen und ein korpulenter Chef vom Dienst, der nebenberuflich ein verlottertes Polizeirevier in der South Road zu tyrannisieren scheint, steht mit erkalteter Zigarre im höhnischen Jack-Nicholson-Grinsemundwinkel herausfordernd unter'm Türrahmen.

Newsroom

Newsroom (bild: RichmondNowAndThen.com)

Da weiß man doch auf den ersten Blick: Hier wird noch gearbeitet, hier geht es um etwas Wichtiges. Die Gemütlichkeit des Zeitunglesens am heimischen Mohnbrötchentisch steht im diametralen Verhältnis zum Blut und Schweiß eines jeden einzelnen Redaktionsmitglieds. Nur, weil man dort todesverachtend den Herzinfarkt mit 40 in Kauf nimmt, können wir jeden Tag aufs Neue in der Kantine wichtig tun. So der Eindruck.

Diese Gemütlichkeit hat in den vergangenen Dekaden immer weiter leiden und zurücktreten müssen. Die Geschwindigkeit des Journalistenlebens ist ins Schrankwand-Wohnzimmer übergeschwappt und überrascht bis überrennt den arglosen Normalnachrichtennutzer. Durch die immer weiter verbreiteten und fortentwickelten Kommunikationsmittel landen nicht nur immer mehr Meldungen immer schneller auf dafür vorgesehenen Newsdesks, sondern plagenartig auf allerlei Computer-Geschirms.

Hello World!

Hello World!

Eine Zeitung kann man erst einmal in Ruhe durchblättern, vielleicht noch einmal weglegen und dann gezielt in der Bahn wieder aufschlagen. Im Internet-Zeitalter muss ich nicht nur damit rechnen, dass während der Lektüre eines Artikels irgendwo auf der Welt etwas passiert, sondern dass auch direkt zwei neue Meldungen mit je 50 Kommentaren, 12 Blogbeiträgen, einem blöden Photoshop-Bild und eine ganze Twitter-Community, die "wussten wir gestern schon" schreibt, auf mich warten werden, noch bevor ich den ersten Absatz des Textes, den ich eigentlich lesen wollte, verstanden habe.

Ich prangere das nicht an! Man ist im Regelfall eh selbst schuld: Wenn ich zum Überfliegen von 1000 Überschriften aus 100 verschiedenen Quellen mehr Zeit brauche als zur Verarbeitung der vielleicht 10 Beiträge, die ich letztlich wirklich intensiv lese, dann ist das schon mal ein ganzes Stück persönliche Ineffizienz. Und da hilft am besten Selbsthilfe: Mut zum Abschalten, blöde Hinweisklingeltonsounds zum Teufel jagen und nur noch vom Klo aus twittern.

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